Wir brauchen Abgebrühtheit

10. Juli 2016

beach volleaball.de vpm 10.07.2016

Laura Ludwig und Kira Walkenhorst mussten beim Major in Gstaad nach vier ungenutzten Matchbällen ihre fünfte Niederlage gegen Kerri Walsh und April Ross einstecken - an ihrer spielerischen Leistung lag das nicht.

Der verflixte letzte  Punkt

Eigentlich standen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst schon im Finale, zumindest mit 1 3/4 Beinen. 20:17 führten sie im zweiten Satz des Halbfinales beim Gstaad Major gegen Kerri Walsh-Jennings und April Ross, den ersten Durchgang hatten sie bereits 21:18 für sich entschieden. Der Auftritt der beiden Hamburgerinnen war bis zu diesem Zeitpunkt mehr als beeindruckend. Sie servierten mutig und leisteten sich im Side-out keine Schwäche, so dass die US-Amerikanerinnen sich nicht entscheiden konnten, über wen sie spielen sollten. Die dreifache Olympiasiegerin Walsh tat sogar etwas für sich extrem untypisches und servierte beim Stand von 17:19 ins Aus. Drei Matchbälle lagen vor Ludwig/Walkenhorst, es wäre ihr zweiter Sieg gegen das erfahrene US-Duo gewesen – und der erste 2:0-Triumph. 

Zwei andere Frauen auf dem Feld 

Doch dann passierte das, was Trainer Jürgen Wagner bereits in unserem Interviewangedeutet hatte: „Ich glaube nicht, dass in Rio Spiele durch mangelnde Qualität entschieden werden oder ein Team überragender spielen wird. Die Spiele werden im Kopf entschieden“, sagte er. Gleiches galt für das Halbfinale in Gstaad. Es war nicht so, dass Walsh/Ross mit einem Mal überragend spielten. Sowohl Ludwig als auch Walkenhorst schlugen jeweils einen Angriff ohne Not weit ins Aus und leisteten sich jeder einen Aufschlagfehler. 

Es war, als stünden plötzlich zwei andere Frauen auf dem Feld, zwei die sich vor ihrer eigenen Dominanz plötzlich zu erschrecken schienen, den Ball nur noch zaghaft berührten und nicht mehr in der Lage waren, diesen einen letzten Punkt zu erzielen, genau wie in den vier Partien, bevor sie beim Hamburg Major erstmals gegen Walsh/Ross triumphiert hatten. „Wir haben es einfach nie geschafft, diesen letzten Punkt gegen sie zu machen“, hatte Walkenhorst vor dem Halbfinale in Hamburg gesagt, als sie und Ludwig endlich den Bann brachen und am Ende Gold gewannen. Die heutige Partie ist daher, zumindest was den Kopf betrifft, als Rückschritt zu betrachten. Spielerisch waren die deutschen Nationalspielerinnen ihren Kontrahentinnen über weite Teile der Partie überlegen.

Walsh-Jennings vor siebtem Sieg in Gstaad

Die Selbststeuerung, von der Wagner sprach, wird wohl das größte Thema in den kommenden Wochen bis zu den Spielen in Rio de Janeiro sein. Die große Frage wird sein, wie Ludwig/Walkenhorst dieses Spiel wieder aus ihrem Kopf bekommen, denn vor Olympia werden sich die beiden Teams nicht mehr begegnen. Das Major in Gstaad ist das letzte Turnier der World Tour, das die US-Amerikanerinnen vor Olympia spielen. In Klagenfurt werden sie nicht antreten. Stattdessen kann Walsh-Jennings nun zum siebten Mal das Gstaad-Turnier gewinnen – allerdings zum ersten Mal mit April Ross. Im vergangenen Jahr war ihr das nicht vergönnt, da kugelte sich die US-Amerikanerin im Viertelfinale die Schulter aus, spielte unter starken Schmerzen mit links weiter und sicherte sich den Halbfinaleinzug, musste dann aber aufgeben. Es folgte eine lange Verletzungspause nach der die 37-Jährige und ihre 34-jährige Partnerin stärker als zuvor zurückkehrten. Immer wieder ist bei den beiden US-Athletinnen zu beobachten, wie sie sich in scheinbar aussichtslosen Partien geduldig zurück kämpfen.

In Rio wird es genau auf diese Abgebrühtheit ankommen. Ludwig (30) und Walkenhorst (25) haben von jetzt an genau vier Wochen Zeit, weiter an der Selbststeuerung zu arbeiten und sich im Spiel um Platz drei und beim Major in Klagenfurt noch mehr Selbstvertrauen zu holen, damit sie bei den Olympischen Spielen noch mehr auf ihre Stärken vertrauen können.

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